Stadt Salzburg: 13 NS-belastete Straßennamen stehen zur Debatte

Dienstag, 08.06.2021
Historiker*innen-Fachbeirat legt rund 1.100-seitigen Bericht mit 66 Biografien zu Nazi-Vergangenheit vor – bei 13 zum Teil prominenten Namen Handlungsbedarf

Seit 2018 hat sich ein neunköpfiger Historiker*innen-Fachbeirat mit jenen Straßen in der Stadt Salzburg beschäftigt, deren Namensgeber in die NS-Zeit verstrickt sind. Bei 13 von 66 wurde dies als „gravierend“ bewertet. Es bestehe hier für die Politik „Diskussions- und Handlungsbedarf“. Der komplette Bericht (Teil A Ergebnisse und Teil B Biografien) mit fast 1.100 Seiten ist auf www.stadt-salzburg.at/ns-projekt ab sofort abrufbar.

Die 13 als Kategorie III bewerteten Namen sind in alphabetischer Reihenfolge (in Klammern Abstimmungsverhalten für Kategorie I/II/III): Volkskundler und Obmann des Landestrachtenverbandes Kuno Brandauer (0/0/9), Musikschriftsteller und Mitbegründer der Salzburger Festspiele Heinrich Damisch (0/0/9), Dirigent Herbert von Karajan (0/4/5), Schriftsteller und Maler Erich Landgrebe (0/0/9), Komponist und Dirigent Hans Pfitzner (0/0/9), Konstrukteur Ferdinand Porsche (0/0/9), Volksmusikant und Kulturfunktionär Tobias Reiser (0/0/9), Bildender Künstler Gustav Resatz (0/0/9), Domorganist und Mozarteums-Professor Franz Sauer (0/1/8), Musikwissenschafter Universitätsprofessor Erich Schenk (0/0/9), Kunsthistoriker Universitätsprofessor Hans Sedlmayr (0/1/8), Bildender Künstler Josef Thorak (0/0/9) und Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl (0/1/8).

Umbenennung in Erwägung ziehen

Bei den Genannten bestehe „aufgrund der gravierenden NS-Verstrickung Diskussions- und Handlungsbedarf“. Und es sei „zu klären, ob mit einer Erläuterungstafel, dem ausführlichen Eintrag im digitalen Stadtplan (www.stadt-salzburg.at/strassennamen) und der biografischen Darstellung auf der NS-Homepage (www.stadt-salzburg.at/ns-projekt) das Auslangen gefunden wird – oder eine Umbenennung in Erwägung gezogen werden soll“, zitiert Beirätin Sabine Veits-Falk aus dem Bericht.

Politische Diskussion im Herbst

Kulturressortchef Vizebürgermeister Bernhard Auinger dankt dem Fachbeirat bei der Präsentation in einer Pressekonferenz am Dienstag, 8. Juni 2021, nachdrücklich: „Hier wurde akribische Arbeit auf höchstem wissenschaftlichen Niveau geleistet. Das hat uns international Lob eingebracht. Der sehr umfangreiche Bericht ist ab sofort allen Interessierten zugänglich. Im Herbst wird er dann politisch diskutiert. Die Politik wird abwägen müssen, was jemand für die Stadt geleistet hat und wie sehr er in die NS-Zeit verstrickt war. Ich kann mir vorstellen, auch die betroffene Bevölkerung einzubinden.“

Stadtarchiv-Leiter Peter F. Kramml weist darauf hin, dass von allen 1.156 Straßen, Parks, Plätzen, Brücken und Stegen der Stadt Salzburg 566 nach Einzelpersonen benannt seien. Das Stadtarchiv habe davon 201 Menschen eruiert, die in der NS-Zeit gelebt hätten. 66 seien Parteimitglieder, Parteianwärter oder in hohem Maße in das NS-System verstrickt gewesen.

Klare wissenschaftliche Kriterien

Die Einordnung in die Kategorie I, II oder III – je höher, desto massiver die Verstrickung – sei nach folgenden, eindeutigen Kriterien erfolgt:

  • Verantwortung für physisches und/oder psychisches Leid im Sinne von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (§ 321a Strafgesetzbuch) und/oder Kriegsverbrechen
  • Beteiligung an verbrecherischen Handlungen wie Zerstörungen, Plünderungen oder Vermögensentzug (Enteignung, „Arisierung“, Kunstraub etc.) und/oder Nutznießung an diesen Handlungen
  • Propagierung der NS-Ideologie (besonders Antisemitismus, Rassismus etc.) und/oder intensive Förderung des Regimes von führender (politischer, künstlerischer, wirtschaftlicher bzw. wissenschaftlicher) Position aus
  • Verleugnen und Verharmlosen der NS-Verbrechen sowie der eigenen Rolle im NS-System und/oder Festhalten an rassistischem bzw. antisemitischem Gedankengut

Der Fachbeirat –bestehend aus Kultur-Abteilungsvorständin Ingrid Tröger Gordon (Vorsitz), Landesarchivdirektor Oskar Dohle, Historiker-Doyen Univ.-Prof. Ernst Hanisch, Stadtarchiv-Historiker Johannes Hofinger, NS-Experte Gert Kerschbaumer, Stadtarchiv-Leiter Peter F. Kramml, Uni-Dozent Alexander Pinwinkler, Stadtarchiv-Historikerin Sabine Veits-Falk und Stadtarchiv-Historiker Thomas Weidenholzer – habe schließlich 24 Personen der Kategorie I (deshalb Hinweise auf die NS-Verstrickung im digitalen Stadtplan und auf der Homepage), 29 der Kategorie II (zusätzlich Erläuterungstafeln vor Ort) und 13 Personen der Kategorie III (Diskussions- und Handlungsbedarf) zugeordnet.

Mythen und Fehlinformationen ausgeräumt

Die wissenschaftliche Grundlage der Empfehlungen des Fachbeirats dafür bilden die ausführlichen Biografien, die im Laufe der letzten Jahre erarbeitet wurden. Diese Biografien berücksichtigen den jeweils neuesten Forschungsstand. Sie basieren auf eingehenden Recherchen in nationalen und internationalen Archiven.

Dabei konnten manche Mythen und Fehlinformationen über einzelne prominente Personen – wie etwa über Herbert von Karajan – ausgeräumt werden, aber auch die bislang unbekannt gebliebene Involvierung einzelner Straßennamen-Geber in die menschenverachtende Politik des Nationalsozialismus aufgedeckt werden. Mit der Ausführlichkeit der biografischen Rekonstruktionen geht Salzburg über ähnliche Projekte in Wien oder Graz hinaus.

Urteilen aber nicht verurteilen

Landesarchivdirektor Oskar Dohle erklärt dazu: „Gemäß dem Grundsatz, dass Historiker*innen urteilen, aber nicht verurteilen sollten, war es Anliegen des Fachbeirates die Verstrickung der einzelnen Personen in das NS-Regime ‚lediglich‘ wissenschaftlich fundiert darzustellen. Ein Aufwiegen mit ihren Verdiensten für die Stadt Salzburg nach 1945, die zu Straßenbenennungen führten, konnte daher nicht Aufgabe des Beirates sein. Die Schlüsse aus den Ergebnissen der Arbeit um konkrete Schritte einzuleiten, ist daher Aufgabe der Politik.“

Positionierung einer demokratischen Gesellschaft

Und Alexander Pinwinkler, Privat-Dozent an der Universität Salzburg, erläutert: „Straßennamen ehren die nach ihnen benannten Personen: Verkehrsflächen spiegeln Werthaltungen und Geschichtsbilder jener historischen Epochen, in welchen die Straßen benannt wurden. Die zugeschriebene Vorbildhaftigkeit öffentlich geehrter Personen bleibt allerdings nicht unhinterfragt. Heute würde die Stadt Salzburg etliche Straßen, die sie in der Vergangenheit nach NS-affinen Personen bezeichnet hat, nicht mehr so benennen. Sie ist daher dazu aufgerufen, über die symbolische Werthaltigkeit ihrer personenbezogenen Straßennamen zu reflektieren und sich aus der Perspektive einer demokratisch verfassten Gesellschaft dazu zu positionieren.“

Stimmen aller Mitglieder des Fachbeirats

Ingrid Tröger-Gordon

Die Arbeit des Fachbeirats stellt für die Stadt Salzburg eine ungemein wichtige und wissenschaftlich herausragende Leistung dar. Der 1.100 Seiten umfassende Schlussbericht bildet nunmehr die Grundlage für den weiteren Entscheidungsprozess der politischen Gremien.

Peter F. Kramml

Dass die Geschichte der NS-Zeit ein Forschungsdesiderat dargestellt hat, führte 2008 zum groß angelegten NS-Projekt. Viele Aspekte konnten darin neu aufgearbeitet werden. Offen blieb die Untersuchung von NS-belastete Personen, nach denen Straßen benannt sind und die erst nach 1945 nach Salzburg kamen. Diese wurden nun im Zuge des Straßennamenprojekts seit 2017 wissenschaftlich aufgearbeitet.

Sabine Veits-Falk

Alle Fachbeiratsmitglieder haben alle Biografien gelesen und intensiv diskutiert. Nur so konnten die individuellen Verstrickungen in das NS-System zueinander in Beziehung gesetzt und dann den Kategorien zugeordnet werden.

Johannes Hofinger

Die Quellen sprechen lassen, galt es in der Erarbeitung der Biografien umzusetzen. Umfangreiche Recherchen in Salzburger, österreichischen und deutschen Archiven brachten bislang unbekannte Dokumente zu Tage. Die kritische Auseinandersetzung mit diesen Schriftstücken führte zu grundlegenden neuen Erkenntnissen und kratzte an manch lieb gewordenen Mythen über das Leben jener Menschen, nach denen in der Stadt Salzburg Straßen benannt sind.

Oskar Dohle

Gemäß dem Grundsatz, dass Historiker*innen urteilen, aber nicht verurteilen sollten, war es Anliegen des Fachbeirates die Verstrickung der einzelnen Personen in das NS-Regime „lediglich“ wissenschaftlich fundiert darzustellen. Ein Aufwiegen mit ihren Verdiensten für die Stadt Salzburg nach 1945, die zu Straßenbenennungen führten, konnte daher nicht Aufgabe des Beirates sein. Die Schlüsse aus den Ergebnissen der Arbeit um konkrete Schritte einzuleiten, ist daher Aufgabe der Politik.

Ernst Hanisch

Wir haben uns als Wissenschafter*innen mit den Biografien auseinandergesetzt. Wir haben als Staatsbürger*innen unsere Empfehlungen ausgesprochen.

Gert Kerschbaumer

Erklärungsbedürftig ist überdies, dass beispielsweise Hans Pfitzner und Heinrich Damisch trotz ihrer antisemitischen Hasstiraden in Salzburg öffentliche Anerkennung und Würdigung erfahren konnten, während die Namen von Künstler*innen wie Helene Thimig und Margarete Wallmann, denen die Festspielstadt internationale Strahlkraft verdankt, auf Straßenschildern nicht existieren.

Alexander Pinwinkler

Straßennamen ehren die nach ihnen benannten Personen: Verkehrsflächen spiegeln Werthaltungen und Geschichtsbilder jener historischen Epochen, in welchen die Straßen benannt wurden. Die zugeschriebene Vorbildhaftigkeit öffentlich geehrter Personen bleibt allerdings nicht unhinterfragt. Heute würde die Stadt Salzburg etliche Straßen, die sie in der Vergangenheit nach NS-affinen Personen bezeichnet hat, nicht mehr so benennen. Sie ist daher dazu aufgerufen, über die symbolische Werthaltigkeit ihrer personenbezogenen Straßennamen zu reflektieren und sich aus der Perspektive einer demokratisch verfassten Gesellschaft dazu zu positionieren."

Thomas Weidenholzer

Die intensive Arbeit an den Biografien so vieler hat gezeigt, wie stark unsere Eltern- und Großeltern-Generation in den Nationalsozialismus involviert war. Diese Arbeit hat aber auch gezeigt, wie mächtig die Verführungskraft von Macht, allzumal verbrecherischer Macht, ist. Opportunismus, direkte Nutznießung und Bequemlichkeit hatte viele wegschauen oder mitmachen lassen. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind zerbrechliche Güter. Und die Lockungen der Macht gibt es auch heute.

Karl Schupfer