Pflege-Notstand: "Oma allein zu Hause"

Die Seniorenberatung der Stadt berichtet
Donnerstag, 27.01.2022
Im Alter Unterstützung zu haben ist längst nicht mehr für alle Menschen möglich.

Ältere Menschen und ihre Angehörigen stehen oft sehr plötzlich vor der Situation, dass das Leben in den eigenen vier Wänden nur mehr mit Unterstützung möglich ist. Die erste Anlaufstelle in der Stadt Salzburg ist in diesem Fall die Seniorenberatung. Die Expert:innen vermitteln geeignete Hilfsangebote und kümmern sich in weiterer Folge auch um die Aufnahme in ein Seniorenwohnhaus. Doch nun schlagen die Kolleg:innen Alarm: Denn der Bedarf nach Beratung und Betreuung steigt drastisch, während die Personalressourcen in der Pflege sinken.

Dauer und Anzahl der Beratungsgespräche verdreifacht

Im vergangenen Jahr führten die Mitarbeiter:innen mehr als drei Mal so viele Beratungsbesuche bzw. -gespräche durch als noch 2020. Vor der Corona-Krise im Jahr 2019 lagen die Beratungsgespräche mit 176 Beratungen pro Jahr noch auf einem gleichbleibend hohen Niveau. Im ersten Corona Jahr 2020 verzeichnete die Seniorenberatung pandemiebedingt nur noch 81 Beratungen pro Jahr. 2021 stieg die Anzahl jedoch sprunghaft auf 292 an. Das entspricht einem Plus von 360% im Vergleich zum Vorjahr und 65% im Vergleich zum Vorkrisenniveau. Aber nicht nur die Anzahl der Gespräche, sondern auch die Intensität haben zugenommen. Gespräche dauern in der Zeit nach der Krise viel länger als noch davor und der Unterstützungsbedarf ist gestiegen. „Zwei Stunden Beratung sind inzwischen der Normal-Zustand. Es tauchen viel mehr Themen auf. Das Leben der Menschen ist komplexer geworden. Auch die Unterstützung durch nahe Angehörige fehlt oft, da diese weit weg oder gar im Ausland wohnen“, berichtet die langjährige Leiterin der Seniorenberatung, Susanne Mayer-Seeleitner.

Alt werden ohne Unterstützung: Für immer mehr Menschen Realität

Erschwert wird die Beratung auch durch die zunehmend schwierige Lage vieler älterer Menschen ohne familiären Anschluss. Bereits 30% der Klient:innen der Seniorenberatung verfügen über keinerlei familiäres Netzwerk mehr, das bei einer Pflegebedürftigkeit unterstützen könnte. Mindestens ebenso besorgniserregend für die Expert:innen ist jedoch, dass auch die noch bestehenden Netzwerke vieler Menschen nicht mehr so tragfähig sind wie früher. Die Betreuung der betagten Menschen fällt also immer häufiger auf die Seniorenberatung zurück. Das 8-köpfige Team kümmert sich dabei um alles: Von Behördengängen bis zum kompletten Umzug ins Seniorenwohnhaus inklusive Wohnungsauflösung. Dass es nicht einfach ist, das gewohnte Umfeld zu verlassen, versteht sich von selbst. „Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind oft genug Deeskalationsmanager:innen, wenn es den Betroffenen und ihren Angehörigen zu viel wird. Seit Jänner kümmert sich erstmals auch eine Sozialarbeiterin um die Anliegen. Das ist jedoch immer noch zu wenig. Wir könnten eigentlich gleich noch eine Sozialarbeiter:in einstellen“, so Mayer-Seeleitner. 

Wohin nach dem Krankenhaus?

Die angespannte Personalsituation in den Seniorenwohnhäusern und bei den Sozialen Diensten (Hauskrankenpflege, Haushaltshilfe) zusätzlich zur anhaltenden COVID- 19 Pandemie verschärft die Situation auch nach Krankenhausaufenthalten zusätzlich. Ältere Menschen liegen nach einer akuten Verschlechterung des Gesundheitszustands oft monatelang im Krankenhaus und können nicht ins häusliche Umfeld entlassen werden. Angehörige stehen durch die einseitig von der Krankenanstalt angekündigten Entlassungen unter großem Druck, weil oft sehr plötzlich mobile Dienste oder Familienangehörige organisiert werden müssen und die Nachsorge im privaten Bereich – auch als Folge der Krise – nicht mehr organisiert werden kann.

„Wer kümmert sich, wenn nichts mehr geht? Die Menschen und ihre Angehörigen werden hier viel zu oft vom System allein gelassen. Unsere Seniorenberatung tut hier was sie kann. Sollte sich die Personalsituation im gesamten Pflege- und Betreuungsbereich aber nicht bald verändern, werden die nächsten Jahre für alle Beteiligten sehr fordernd werden“, so Abteilungsvorstand Patrick Pfeifenberger.

Pflege braucht Taten – auch aus Sicht der Seniorenberatung

Die Vielfalt der Probleme in der täglichen Arbeit der Seniorenberatung ist für Sozialstadträtin Anja Hagenauer nur ein weiterer Beweis für die große „Pflegekatastrophe“ in der Salzburg nicht erst seit Corona steckt. Die Pandemie fungiert aber gerade in der Pflege als Brandbeschleuniger und bringt die Schwächen eines ausgehungerten Systems noch stärker zu Tage als je zuvor.

„Ich werde nicht müde zu betonen, dass wir in der Pflege nicht noch mehr Arbeitskreise und Plattformen benötigen. Die Fakten liegen längst am Tisch!“, zeigt sich Hagenauer, ob der Zustände erbost. „Meine Forderungen um die Pflegekatastrophe zumindest abzufedern, habe ich in meinem 13 Punkte Programm „Pflege braucht Taten – aber sofort“ bereits im Herbst 2021 vorgelegt. (siehe Anhang)

Pflegende Angehörige anstellen - jetzt

„Das Hauptziel aller strategischer Planung in der Pflege, egal ob auf Bundes- oder Landesebene, ist es den Menschen zu ermöglichen so lange es geht in den eigenen vier Wänden bleiben zu können. Für mich ist klar, dass der Anstellung pflegender Angehöriger nach burgenländischem Vorbild hierbei eine Schlüsselrolle zukommt. Denn wenn die Pflege zu Hause gelingen soll, müssen wir die Netzwerke stärken, die diese Pflege leisten. Das bedeutet Geld und soziale Absicherung, anstatt unbezahlte Arbeit. Die Pflegekrise lässt sich nicht mit Nächstenliebe und der Ausbeutung unbezahlter Frauenarbeit lösen, sondern nur mit Ressourcen und Respekt“, so die Stadträtin.

Barrierefreies Bauen ist die Lösung, nicht das Problem

„Barrierefreies Wohnen muss der Standard und nicht die Ausnahme sein, wenn man will, dass Menschen zu Hause alt werden können“, ist Hagenauer überzeugt. Leider zeigen die Zahlen der Seniorenberatung ein anderes Bild. Rund 70% der besuchten Senior:innen leben nicht barrierefrei. Der Großteil der betreuten Senior:innen ist somit schon alleine aufgrund der Wohnsituation mittelfristig auf andere Angebote als das „alt werden zu Hause“ angewiesen. Vor allem in älteren Reihenhäusern und Altbauten geht Barrierefreiheit weit über den Badumbau hinaus und ist in der Praxis nur mit  extremen Kosten umzusetzen. Umso wichtiger wäre es daher für Hagenauer bei neuen Bauvorhaben auf die Nutzung der Zukunft zu achten: „Die Grundlagen für das Wohnen der Zukunft müssen wir jetzt schaffen und ich kann daher nicht verstehen, wie die Landesregierung die eigene Verpflichtung des barrierefreien Bauens immer wieder aufweicht, um engen Billigbauten, die die Problemhäuser der Zukunft sein werden, Platz zu schaffen“, ärgert sich Hagenauer. „Wir wissen, dass barrierefreies Bauen von Beginn an so gut wie keine Mehrkosten erzeugt, wenn es aber dann nachträglich gebraucht wird enorm teuer kommt. Nicht nur Ältere profitieren vom Barrierefreien Bauen, auch junge Menschen, für die man diese Ausnahmen ja angeblich macht, sind auf diese Bauweise angewiesen, sobald ein Kinderwagen ins Spiel, oder die Oma zu Besuch kommt. Vom kleinen Kabuff indem man sich nicht umdrehen kann – neuerdings „Starterwohnung“ genannt – profitiert nur der Bauträger, der dank aufgeweichter Richtlinie noch eine Kleinstwohnung mehr auf den Markt werfen kann“.

Betreutes Wohnen muss endlich funktionieren

Auch im Bereich des Betreuten Wohnens mahnt Hagenauer längst überfällige Umsetzungen ein: „Betreutes Wohnen – das ist die Form des Wohnens, die die rund 70% der nicht barrierefrei wohnenden Senior:innen in der Stadt Salzburg brauchen würden – könnte aus meiner Sicht viele Versorgungsprobleme für ältere Menschen lösen. Leider kann man sich von Landeseite seit mittlerweile fast sieben Jahren (!) nicht dazu aufraffen die Phase der Arbeitsgruppen und ‚sorgfältigen Prüfungen‘ zu verlassen und in die Phase der Umsetzung zu kommen. Die Ergebnisprotokolle der ersten Enquette zu diesem Thema aus dem Jahr 2015 (!) und das erst im Dezember 2021 von Expert:innen im Landtag präsentierte gemeinsame Grundlagenpapier der drei größten Träger, unterscheiden sich inhaltlich jedenfalls so gut wie gar nicht und können daher nicht die Erklärung sein, warum man seit sieben Jahren grübeln muss. Die Menschen brauchen Lösungen und wollen nicht alleine in immer schlechter betreubaren Wohnverhältnissen zurückgelassen werden. Auch hier liegen alle Fakten und Lösungen am Tisch, aber der Wille fehlt. Das Expertenpapier, das im Landtag präsentiert wurde, weist die Gesamtkosten (Anteile von Land, Gemeinde und Selbstbehalt) für ein umfassendes Betreuungskonzept im betreuten Wohnen mit 3.120,-€ pro Jahr aus. Die Anzahl der derzeit im Bundesland bestehenden betreubaren Wohneinheiten wird mit 1.377 angegeben. Eine Vollfinanzierung aller betreuten Wohneinheiten des Bundeslandes würde demnach jährlich 4,2 Mio. € kosten. Allein mit den im Allgemeinbudget versickerten 40 Wohnbauförderungsmillionen des letzten Jahres könnte man also alle bestehenden betreuten Wohneinheiten im Bundesland für fast zehn Jahre vollfinanzieren und echte Anreize und Hilfen für die Menschen schaffen. Stattdessen hat sich der Landtag im Dezember mit den Stimmen der Landesregierung erneut dazu entschlossen, das Thema wieder auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben“.

„Pflege braucht Taten – aber sofort!“ - Maßnahmenpaket

Info-Z/Schrattenecker