Ausstellungseröffnung: „Was ist Chuzpe?“ am Marko-Feingold-Steg
Erinnerungskultur im Vorübergehen
(v.l.n.r.: Vizebürgermeister Kay-Michael Dankl, Kulturabteilungsvorständin Dagmar Aigner, Kurator Albert Lichtblau, Kurator Hannes Sulzenbacher, Hanna Feingold)
Die Kulturabteilung der Stadt Salzburg präsentiert gemeinsam mit dem Salzburg Museum auch in diesem Jahr eine Open-Air-Ausstellung auf dem Marko-Feingold-Steg. Kuratiert wurde die Ausstellung von Albert Lichtblau und Hannes Sulzenbacher, Chefkurator des Jüdischen Museums Wien. Die Ausstellung „Was ist Chuzpe?“ ist von 28. Mai bis 31. August 2026 zu sehen und wird zum Geburtstag von Marko Feingold eröffnet.
Der Marko-Feingold-Steg wird damit erneut zu einem öffentlich sichtbaren Ort der Erinnerung und Auseinandersetzung. Die Schau widmet sich einem Begriff, der aus dem Jiddischen stammt und längst Teil des österreichischen Sprachgebrauchs geworden ist: „Chuzpe“. Gemeint ist nicht nur Frechheit oder Dreistigkeit, sondern im positiven Sinn auch Mut, Schlagfertigkeit, Zivilcourage und die Fähigkeit, in schwierigen Situationen Haltung zu bewahren.
Diese Haltung verbindet die Ausstellung unmittelbar mit Marko Feingold (1913-2019). Der KZ-Überlebende, langjährige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg und unermüdliche Aufklärer über die NS-Zeit begegnete Autoritäten und jungen Menschen mit Wiener Schmäh, Ironie und einer oft entwaffnenden Direktheit. Seine „Chuzpe“ war keine Pose, sondern Teil seiner Menschlichkeit und seines Einsatzes gegen Antisemitismus, Verdrängung und Gleichgültigkeit.
Für Vizebürgermeister Kay-Michael Dankl ist die jährliche Ausstellung auf dem Marko-Feingold-Steg ein wichtiger Teil der Salzburger Erinnerungskultur: „Seit fünf Jahren trägt der neu benannte Steg dazu bei, die Erinnerung an Marko Feingold wach zu halten. Die Ausstellungen spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie tragen Aspekte der jüdischen Geschichte und der Erinnerungskultur mitten in die Öffentlichkeit. Das Thema der Ausstellung „Was ist Chupze?“ passt wie kaum ein anderes zu Marko Feingold, der mit seinem Witz, seiner Ironie und Schlagfertigkeit unvergesslich bleibt.“
Seit 2021: Ausstellungen am Marko-Feingold-Steg
Der frühere Makartsteg wurde 2021 offiziell in Marko-Feingold-Steg benannt. Die Stadt Salzburg würdigte damit Hofrat Marko Feingold als Holocaust-Überlebenden, Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg und als Brückenbauer zwischen Religionen, Generationen und Lebenswelten. Seit der Benennung wird der Steg regelmäßig als Erinnerungs- und Vermittlungsort genutzt.
Seit 2021 zeigen die Stadt Salzburg, das Salzburg Museum und die Kuratoren Albert Lichtblau und Hannes Sulzenbacher jährlich Ausstellungen auf dem Steg. Albert Lichtblau ist Historiker und war einer der Autoren der Autobiografie von Marko Feingold „Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh“. Die erste Präsentation widmete sich Marko Feingold selbst. Darauf folgten Ausstellungen zum jüdischen Leben in Salzburg, zu jüdischen Shoah-Überlebenden als Displaced Persons, zur Verortung der Erinnerung sowie 2025 zum Thema „Anstand“.
Das Salzburg Museum übernimmt dabei eine zentrale Rolle in der inhaltlichen und musealen Vermittlung. Gemeinsam mit der Kulturabteilung der Stadt Salzburg wird der Marko-Feingold-Steg seit mehreren Jahren als niederschwelliger Erinnerungs- und Ausstellungsraum im öffentlichen Stadtraum genutzt.
„Die jährliche Ausstellung am Marko Feingold Steg ermöglicht es uns, an Marko Feingold zu erinnern sowie aktuelle oder grundsätzliche Fragen und Themen aus der jüdischen Kulturgeschichte in Salzburg aufzugreifen. Die Ausstellung wirkt dabei gleichermaßen nach innen in die Stadtbevölkerung, wie auch nach außen. Denn durch die Zweisprachigkeit der Tafeln, die auf englisch und deutsch textiert sind, stehen auch den vielen internationalen Tourist:innen Informationen und Einblicke zum Thema zur Verfügung. “, so Abteilungsvorständin für Kultur, Bildung und Wissen Dagmar Aigner.
Über den Marko-Feingold-Steg bewegen sich täglich Salzburger:innen und Gäste aus vielen Ländern zwischen rechter und linker Altstadt. Deshalb sind die Tafeln bewusst so gestaltet, dass die Inhalte auch im Vorübergehen erfassbar sind. Die Ausstellung wird in deutscher und englischer Sprache gezeigt. QR-Codes führen zu weiterführenden digitalen Inhalten und vertiefenden Stimmen der dargestellten Personen.
„Der Ausdruck Chuzpe ist schwer zu erklären: ich will es aber doch versuchen, die Chuzpe ist eigentlich eine Frechheit angereichert mit Verstand, Kraft und etwas Geschmack und das Ganze mit jiddischen Ausdrücken, wobei jeder dieser Ausdrücke wieder mindestens zwei Bedeutungen hat. Und so hofft man mit Chuzpe das zu erreichen, das man in meetings und mit Verträgen nie erreicht hätte.“, so Hanna Feingold.
„Was ist Chuzpe?“ - ein Blick auf die Tafeln
Die Ausstellung beleuchtet „Chuzpe“ in ihrer ganzen Ambivalenz: als Frechheit, als Provokation, als charmanter Widerspruch, aber vor allem als positive Form von Unerschrockenheit. Gezeigt werden historische Beispiele von Menschen, die Mut bewiesen, Grenzen überschritten oder mit Schlagfertigkeit auf Unrecht reagierten.
Eine Tafel ist Marko Feingold selbst gewidmet. Sie erzählt von einer Begegnung mit einem jungen Mann, der wegen der Beschädigung von Stolpersteinen inhaftiert war. Feingold besuchte ihn im Gefängnis. Um mit ihm ins Gespräch zu kommen, fragte er zunächst, wie das Essen im Gefängnis sei, und erzählte dann von jenem im Konzentrationslager. Die Szene zeigt Feingolds direkte, manchmal unbequeme und zugleich zutiefst menschliche Art, Menschen zu erreichen.
Ein weiteres Beispiel ist die „Operation Greenup“: Mutige jüdische Flüchtlinge und ein Wehrmachtsdeserteur sprangen im Auftrag des amerikanischen Nachrichtendienstes in Tirol mit Fallschirmen ab. Unter falscher Identität sammelten sie Informationen und leisteten damit Widerstand gegen das NS-Regime. Die Ausstellung erzählt auch von Pfadfinderinnen und Hausmeisterinnen, die durch Zivilcourage Leben retteten, sowie von Menschen, die in scheinbar kleinen Momenten Haltung zeigten.
Die biografischen Schlaglichter machen deutlich, dass „Chuzpe“ nicht nur mit großen historischen Widerstandsaktionen verbunden ist. Sie kann auch in einem Satz, einer Geste oder einer Entscheidung liegen: nicht mitzumachen, nicht wegzusehen, jemanden zu schützen oder gesellschaftliche Grenzen bewusst zu überschreiten.
Bei der Eröffnung wird Hanna Feingold an dieses besondere Charaktermerkmal von Marko Feingold erinnern. Damit verbindet die Ausstellung die historische Auseinandersetzung mit einer sehr persönlichen Erinnerung an einen Menschen, dessen Haltung Salzburg bis heute prägt.
„Chuzpe ist manchmal entwaffnend, da mit Ironie, Charme und Mut bzw. Übermut etwas schier Unvorstellbares, aber Wichtiges erreicht werden kann. Das zeigt unsere Ausstellung anhand verschiedener Beispiele. Manchmal hilft es, nicht alles zu ernst zu nehmen, sondern das scheinbar unüberwindbare Ernste zu überwinden und auszuhebeln. Chuzpe kann im positiven Sinn dabei helfen. Marko Feingold war dafür, trotz aller Kanten und Ecken, ein herausragendes Beispiel“, betont der Kurator der Ausstellung Albert Lichtblau.
„Chuzpe beschreibt die Fähigkeit, sich nicht einschüchtern zu lassen und trotz Widerständen das Richtige zu tun. Die in der Ausstellung versammelten Geschichten zeigen, dass Mut und Zivilcourage oft dort beginnen, wo Menschen bereit sind, gesellschaftliche Erwartungen zu durchbrechen“, ergänzt Kurator Hannes Sulzenbacher.
Fakten zur Ausstellung
- Titel: Was ist Chuzpe?
- Ort: Marko-Feingold-Steg, Stadt Salzburg
- Dauer: 28. Mai bis 31. August 2026
- Kuratoren: Albert Lichtblau, Hannes Sulzenbacher
- Grafik: Studio Fjeld
Eine Ausstellung des Salzburg Museum in Kooperation mit der Abteilung 2 - Kultur, Bildung, Wissen der Stadt Salzburg, mit freundlicher Unterstützung des Jüdischen Museums Wien.
Lapuch Laura BA